Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung
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Emotionale Kompetenz

 

gefühlswelt_logoJeder kennt Gefühle - aber warum sind sie so wichtig?

Ob Traurigkeit, Wut oder Fröhlichkeit, jeder, selbst schon die Kleinsten unter uns, kennen diese Gefühle. Die einen lassen ihren Gefühlen freien Lauf, andere verstecken sie lieber.

Ob Rauslassen oder Verstecken - warum ist es so wichtig für uns Gefühle zu haben? Welche Bedeutung haben Gefühle für unseren Alltag und für den Umgang mit Anderen?

Unsere moderne Gesellschaft birgt viele neue Herausforderungen und Probleme. So sind Phänomene wie "Burn-out", Alkoholmissbrauch von Jugendlichen und Gewalt an Schulen derzeit in aller Munde. Auf der anderen Seite werden Tugenden und Fähigkeiten immer wichtiger, die eine moderne (Dienst)Leistungs- und Wissensgesellschaft braucht, darunter Teamfähigkeit, "soft-skills" und die Fähigkeit seine "work-life-balance" immer wieder ins Lot zu bringen. Es gibt viele verschiedene Ansatzpunkte, um Probleme zu erklären oder Fähigkeiten entwickeln zu wollen. Ein Ansatzpunkt sind Gefühle, denn die geschilderten Probleme und Fähigkeiten beruhen ganz wesentlich auf einem kompetenten Umgang mit eigenen und fremden Emotionen.

 

gefühlswelt_logoWas ist emotionale Kompetenz?

Gefühle wurden von der Psychologie erst in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckt. Seitdem werden Gefühle nicht mehr als Störungen des Denkprozesses angesehen. Vielmehr wird heute der große Einfluss von Gefühlen auf die Persönlichkeitsentwicklung betont. Im Verlauf unseres Lebens entwickelt und verändert sich die Kompetenz unsere Gefühle angemessen wahrnehmen und regulieren zu können.

Was zählt alles zur emotionalen Kompetenz? Nach von Salisch (2002) beruht die emotionale Kompetenz im Wesentlichen auf vier Kernfähigkeiten, die vielfältig miteinander kombiniert sein können, nämlich auf der Aufmerksamkeit der Person für ihre eigene emotionale Befindlichkeit, ihrem Mitgefühl für ihre Mitmenschen (Empathiefähigkeit), ihrer Fähigkeit, befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen und ihrem konstruktiven Umgang mit belastenden oder sozial problematischen Gefühlen.

In Anlehnung an das "Burn-out" Syndrom wird neuerdings noch ein fünfter Bereich diskutiert: die Fähigkeit sein Gefühlsleben mit der Motivation so in Einklang zu bringen, dass vorzeitiges "Ausbrennen" verhindert wird.

Gefühle sind also nicht einfach nur Gefühle. Mit und durch Gefühle entwickeln wir vielfältige Kompetenzen. Dazu gehören sowohl die Entwicklung einer ausgewogenen Persönlichkeit als auch der Erwerb von Beziehungsfähigkeit, von Bewältigungskompetenzen und die Fähigkeit zur Selbstregulation.

 

 gefühlswelt_logo Regieren Gefühle die Welt?

Was meinen Sie? Bestimmt Ihr Denken Ihre Gefühle oder verhält es sich umgekehrt, dass Ihre Gefühle Ihr Denken und Handeln beeinflussen?

Eine eindeutige Antwort kann auch die Wissenschaft nicht geben. Aber eins ist sicher: der Einfluss von Gefühlen auf Denkprozesse und unser Handeln wurde lange Zeit von der Wissenschaft unterschätzt. Wie beurteile ich andere Menschen, wenn ich selbst unzufrieden oder verärgert bin? Kann ich dann noch objektiv sein? Heute weiß man, dass Gefühle in erheblichem Maße die Motivation unseres Verhaltens, insbesondere auch unser soziales Verhalten gegenüber anderen Menschen, steuern. Emotionen wirken so als "Brille", durch die man hindurchschaut und wodurch sich die Welt so färbt, wie man sich fühlt. Die emotionale Verfasstheit eines Menschen prägt also ganz wesentlich seine Sicht auf die Dinge und damit auch sein Wohlergehen und sein Verhalten in der Gesellschaft. So konnte z.B. gezeigt werden, dass sich positive Emotionen günstig auf die Lernleistung auswirken können.

 

 gefühlswelt_logo Wie entsteht eigentlich Emotionale Kompetenz?

Säuglinge werden schon mit einer kommunikativen Grundausstattung geboren. Wiederum sind auch die Betreuungspersonen, meist die Eltern, mit Kompetenzen, also einer Wahrnehmungsfähigkeit ausgestattet, um auf die Bedürfnisse des Säuglings zu reagieren. Aufgrund dieser beidseitigen Kompetenzen lernen die Kinder in der Interaktion eine besondere Welt der Selbsterfahrung und der Selbstregulation kennen.

Hierbei lernt das Kind die sprachliche Kommunikation, die eine Grundqualifikation für die emotionale Kompetenz darstellt.

Von den ersten 3-4 Lebenswochen bis hin zum vierten Lebensjahr lernen Kinder die Bedeutung der unterschiedlichen Emotionen und ihrer Ausdrucksweise. Die Gesichtsausdrücke eines Kindes werden ab dem 3. Lebensmonat klarer. Neben dem Lächeln tritt nun auch ein Lachen auf und einen Monat später kommen die Ausdrücke für Ärger, Überraschung, Traurigkeit und Scham dazu. Ab dem 7. und 8. Lebensmonat zeigen die Kinder Angst und Furcht. Im Verlauf des 2. Lebensjahres werden dann Ausdrücke für Schüchternheit, Schuld und Verachtung gezeigt.

Bis zu ihrem 3. Lebensjahr entwickeln die Kinder die unterschiedlichen Gefühlsausdrücke und lernen nun sie nach den kulturellen Normen und elterlichen Erwartungen zu verändern. Allerdings sind Kinder hierbei in den ersten Monaten auf die Wahrnehmung der Stimme und des Gesichtsausdrucks des anderen angewiesen, um die Gefühle anderer einordnen zu können. Zum Beispiel kann ein 7 Monate altes Baby ein freudiges und ein ärgerliches Gesicht ohne die Tonlage der Stimme nicht voneinander unterscheiden.

Das Sprechen über eigene Gefühle beginnt mit ca. 18 Monaten und wird im 3. Lebensjahr sehr komplex. Die Kinder können Gefühlszustände bei sich selbst und anderen benennen. Die Kinder zeigen beim Spielen, dass sie für sich selbst, für andere oder auch für Spielsachen, wie zum Beispiel Puppen, emotionale Zustände vortäuschen.

 

  gefühlswelt_logo Entwicklung von Mitgefühl und prosozialem Verhalten "Empathie"

Zu Beginn ein Beispiel. Ein Vater beschreibt folgendes Erlebnis mit seinem 14-monatigen Sohn (nach Harris 1992, S. 36): "Als wir am Nachmittag nach Hause kamen, rutschte ich aus und fiel auf die Nase. Es tat weh und ich setzte mich in den Schaukelstuhl und rieb mir die Nase. Mein Sohn war sehr mitfühlend. Er tat das für mich, was ich sonst für ihn tue, wenn er sich verletzt. Er umarmte und tätschelte mich und bot mir sogar seine Decke an, die er nimmt, wenn er sich wehgetan hat oder müde ist. Er schien sehr besorgt meinetwegen."

Dieses Verhalten können Kinder aber erst dann zeigen, wenn sie schon Erfahrungen und Erlebnisse mit den "passenden Gefühlen" gemacht haben. Sie müssen die Gefühlslage der anderen Person erkennen können und in der Lage sein die Gefühlslage des anderen durch ihr eigenes Verhalten verändern zu können. Kinder suchen dann nach Mitteln zum Trösten, die sie selber kennen gelernt haben und die ihnen selbst gut tun.

Während Kinder bis zum 1. Lebensjahr noch selber Anzeichen von Kummer zeigen, wenn ein anderes Kind weint, geht der Ausdruck eigener Bekümmertheit im 2. Lebensjahr zurück und diese konstruktive Versuche des Tröstens nehmen zu. Denn bis zum ersten Lebensjahr können die Kinder noch nicht zwischen ihrem eigenen Gefühlszustand und dem einer anderen Person unterscheiden. Vielleicht haben Sie auch selbst schon beobachtet, dass kleine Kinder häufig mit anderen Kindern mit weinen.

 

Literatur:

  • Harris, P. L. (1992). Das Kind und die Gefühle. Wie sich das Verständnis für die anderen Menschen entwickelt. Bern: Huber.
  • Von Salisch, M. (2002). Emotionale Kompetenzen entwickeln. Grundlagen in Kindheit und Jugend. Stuttgart: Kohlhammer.

 

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