Lehrstuhl Pädagogik bei geistiger Behinderung und Verhaltensstörung
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Selbstverständnis und Selbstdarstellung der beiden Fachrichtungen

Aus historischen Gründen vertritt der 1972 von Prof. Dr. Otto Speck begründete Lehrstuhl für Sonderpädagogik an der LMU München in der universitären Lehrerbildung in Bayern bis heute die beiden Fachrichtungen “Pädagogik bei geistiger Behinderung“ und Pädagogik bei Verhaltensstörungen“ in Lehre, Forschung und Weiterbildung, unter anderem im Münchener Zentrum für Lehrerbildung (MZL). Damit ist dieser Lehrstuhl der einzige in Bayern, der zwei sonderpädagogische Fachrichtungen gleichzeitig zu vertreten hat.

Pädagogik bei geistiger Behinderung

Menschen mit geistiger Behinderung galten lange als bildungsunfähig und lebensunwert. Sie wurden geächtet, vernachlässigt, rassenhygienisch verfolgt, sterilisiert, psychiatrisiert, verwahrt und vernichtet. Bis heute sind die Einstellungen und sozialen Reaktionen gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung von Vorurteilen bestimmt. Menschen mit geistiger Behinderung gehören zweifelsfrei zu den marginalisierten Gruppen unserer Gesellschaft. Noch immer führen sie ein Leben zwischen Aussonderung und Inklusion, das einem Mehr an Anerkennung, Wertschätzung und Teilhabe an der Gesellschaft sowie einer Aufwertung der Perspektiven für ein sozialintegratives Leben in Städten, Gemeinden, Kommunen und Landkreisen bedarf.

Als erziehungswissenschaftliche, interdisziplinär wahrnehmende, denkende und handelnde Disziplin der universitären Lehrerbildung beschäftigt sich die Pädagogik bei geistiger Behinderung in Lehre und Forschung an der LMU München lebenslaufbezogen mit Fragen der Erziehung, Förderung, Bildung und Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen, aber auch erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung.

Beginnend mit frühkindlicher Bildung, über die schulische und berufliche Bildung hinweg, hin zur Erwachsenen- und Seniorenbildung liegen dementsprechend die Schwerpunkte der Pädagogik bei geistiger Behinderung in der kritisch-konstruktiven Auseinandersetzung mit Erschwernissen bei den Erziehungs-, Sozialisations- und Bildungsprozessen in pädagogischen Handlungsfeldern vorschulischer, schulischer, nebenschulischer und nachschulischer Bereiche.

Aufgabe einer Pädagogik und Didaktik bei geistiger Behinderung ist es unter Einbeziehung einschlägig auf den Förderschwerpunkt bezogener Diagnostik bei gleichzeitiger Beachtung von Konzepten und Maßnahmen der Prävention, Intervention und Rehabilitation qualitativ hochwertige Bildung zu vermitteln und wirksam werden zu lassen, damit diese sehr heterogene Gruppe an Personen (z.B. Menschen mit Down-Syndrom, Rett-Syndrom, Mikrozephalie, frühkindlichem Autismus, Morbus Hunter, Demenz, schweren geistigen und mehrfachen Behinderungen) mit einem Förderbedarf im Bereich ihrer geistigen Entwicklung ihre individuellen Lern- und Leistungspotentiale erfahren und chancengleich ausschöpfen und zugleich soziale Teilhabe und gesellschaftliche Inklusion erleben kann.

Pädagogik bei Verhaltensstörungen

Die erziehungswissenschaftliche, interdisziplinär insbesondere mit der Psychologie, Medizin, Soziologie, Philosophie, Jurisprudenz und dem System der Jugendhilfe arbeitende Disziplin Pädagogik bei Verhaltensstörungen beschäftigt sich in Forschung und Lehre mit Kindern, Jugendlichen und jungen erwachsenen Menschen mit emotionalen und sozialen Störungen und Auffälligkeiten.

Verhaltensstörungen und Anpassungsschwierigkeiten sind keine persönliche Eigenschaft eines Menschen, sondern vielmehr Ausdruck einer Konflikt- und Notlage sowie ein klares Signale für Störungen des Person-Umwelt-Bezugs. Deshalb gilt es die Person, sein So-Sein und seine Persönlichkeit genauso in Blick zu nehmen wie die Situationen und komplexen systemischen Umstände, die Verhaltensstörungen auslösen, diese verstärken und zu gravierenden Problemen in der Erziehungs-, Sozialisations- und Bildungsarbeit führen.

Ein solcher verstehender Zugang zum Mensch lässt klar erkennen, dass für die professionelle, multikausal Zusammenhänge sehende und Theorien reflektierende Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die als erziehungsschwierig gelten und einen Förderbedarf in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung haben, aus pädagogischer Sicht und unter Aspekten von Prävention, Intervention und Rehabilitation von Verhaltensstörungen im Vorschul- und Schulalter neben den allgemeinen Bildungsauftrag dem Erziehungs- und Beziehungsauftrag von Lehrpersonen und pädagogischen Fachkräften in Kindergärten, Tagesstätten, Heimen, Schulen, aber auch in Klinikschulen und Schulen des Strafvollzugs und weiteren teil- oder vollstationären, außerschulischen Einrichtungen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe eine besondere Rolle zukommt.

Der pädagogisch richtige Umgang mit emotionalen und sozialen Störungen und Auffälligkeiten an allgemeinen Schulen wie an Förderschulen in Kooperation mit der Jugendhilfe und in Verbindung mit einer kompetenten Elternarbeit stellen vor dem Hintergrund zunehmender Prävalenzen von Verhaltensstörungen eine aktuelle pädagogisch-didaktische Herausforderung an Wissenschaft und Praxis dar. Eine Pädagogik und Didaktik bei Verhaltensstörungen beantwortet deshalb vor dem Hintergrund von Teilhabe und Inklusion lebenslaufrelevante Fragen unter Einbeziehung einschlägig auf den Förderschwerpunkt bezogener Diagnostik bei gleichzeitiger Beachtung von Konzepten und Maßnahmen der Prävention, Intervention und Rehabilitation in Lehre wie Forschung, die auf Erziehung, Sozialisation, Bildung, Förderung, Therapie, Rehabilitation und Resozialisierung gerichtet sind.

Inklusion: Ziel, Weg und Aufgabe für beide Fachrichtungen!

Die unendlich lange Geschichte der Hin- und Zuwendung von Menschen mit Behinderungen und Benachteiligungen erweist sich von der Antike über das Mittelalter, hinein in die Neuzeit, über die Zeit des Nationalsozialismus hinweg in das Hier und Jetzt unserer postmodernen Gesellschaft als ein schwieriger Weg von der Extinktion, Exklusion und Segregation über die Normalisierungs- und Integrationsbewegung hin zur Inklusion. Für das Reformprogramm Integration war die Salamanca-Deklaration der UNESCO 1994 richtungweisend. Die Kultusministerkonferenz der Länder reagierte darauf ebenfalls noch im Jahr 1994 mit einer „Empfehlung zur sonderpädagogischen Förderung“, betonte die Pluralität schulischer Förderorte und rechtfertigte damit die Existenz von Sonderschulen.

Durch die Ratifizierung der Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen (UN-BRK) ist seit 2009 Inklusion eine neue, rechtsverbindliche und Perspektiven aufzeigende Leitlinie der bundesdeutschen Bildungs- und Sozialpolitik. Auf dem Weg zur Inklusion und gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, Beeinträchtigungen, Lernschwierigkeiten und sozialen Benachteiligungen beteiligen sich deshalb beide sonderpädagogischen Fachrichtungen im Schulterschluss mit der Schulpädagogik, der Grundschulpädagogik, der Allgemeinen Pädagogik und den Fachdidaktiken an der LMU München aktiv, kritisch und konstruktiv an der Umsetzung inklusiver Bildung in der Lehre, Forschung und Weiterbildung, u.a. im Projekt Lehrerbildung@LMU, das im Rahmen der "Gemeinsamen Qualitätsoffensive Lehrerbildung des Bundes und der Länder" mit etwa 6,9 Mio. EUR vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird!

Das Studium für das Lehramt in Sonderpädagogik in diesen beiden Fachrichtungen am Lehrstuhl der LMU München soll deshalb auf die unterschiedlichen Arbeitsfelder im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung und im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung vorbereiten. Über die 9 Semester des Universitätsstudiums hinweg (Regelstudiendauer) wollen wir unseren Studierenden für das 1. Staatsexamen Kompetenzen vermitteln, damit sie später in ihrem Beruf Erziehung-, Bildungs-, Förder- und Entwicklungsprozesse von Menschen mit Behinderungen, Beeinträchtigungen, Lernschwierigkeiten, sozialen Benachteiligungen (einem sog. sonderpädagogischen Förderbedarf; SEN) unter erschwerten wie inklusiven Bedingungen (d.h. an in allen Jahrgangsstufen der Förderschulen, Förderzentren, Allgemeinen Schulen wie im Mobilen Sonderpädagogischen Dienst) auf der Grundlage von Handlungs- und Theoriewissen qualitativ hochwertig in Vorschule, Schule und am Übergang in Arbeit und Beruf

  • analysieren,
  • planen,
  • durchführen,
  • reflektieren,
  • beurteilen,
  • bewerten,
  • beraten,
  • managen,
  • innovieren und evaluieren können,

sowie darüber hinaus Schule als System evidenzbasiert weiterentwickeln, sozialräumlich öffnen und mit gesellschaftlichen Systemen vernetzen können!

Wenn Sie sich für das Studium der Sonderpädagogik und die beiden Fachrichtungen an der LMU München interessieren, empfehlen wir Ihnen sich zunächst das Fachportrait „Sonderpädagogik“ anschauen. Den Informationsfilm finden Sie hier.

Kompaktinformationen zu den beiden Fachrichtungen erhalten Sie hier:


Ausführlichere Informationen zum Lehramtsstudium der Sonderpädagogik finden Sie hier.

Für Fragen, Anregungen und Rückmeldungen stehen wir gerne und jederzeit zur Verfügung . Nehmen Sie mit uns Kontakt auf!