Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik
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5. Förderung des Textverständnisses durch die Vermittlung von Verstehensstrategien

5. Förderung des Textverständnisses durch die Vermittlung von Verstehensstrategien   

3Prof.Neugier

Projektleiter: Prof. Dr. Andreas Mayer
Projektkoordinator: Dr. Dana-Kristin Marks, Prof. Andreas Mayer
Kooperationspartner: SFZ München Süd, SFZ Farchant, SFZ Landsberg, SFZ Dachau, SFZ München Nord, SFZ München Nord-West, SFZ München Nord-Ost, SFZ Freising, SFZ Altenstadt, SFZ München Süd-Ost, SFZ Ingolstadt

Laufzeit: April 2017 – Juli 2019

1. Theoretischer Hintergrund und Ausgangslage
Die Ergebnisse der letzten Internationalen Grundschul-Leseuntersuchung (IGLU) aus dem Jahr 2016 (Hußmann et al. 2017) belegen den umfassenden Handlungsbedarf im Bereich der Förderung des sinnentnehmenden Lesens bei Grundschülern in Deutschland. Im internationalen Vergleich zeigte sich, dass in etwa 75% der teilnehmenden EU-Staaten im Bereich des Leseverständnisses signifikant bessere Leistungen erzielt wurden als in Deutschland. Besonders besorgniserregend erscheint das Ergebnis der schwächsten Leser in Deutschland. 19% der teilnehmenden Kinder erreichten maximal die Kompetenzstufe 2, sind also bestenfalls in der Lage, „explizit angegebene Informationen zu identifizieren und eine Kohärenz auf lokaler Ebene herzustellen“ (Bremerich-Voss et al. 2017, 92). „Für diese Gruppe ist zu erwarten, dass sie in der Sekundarstufe I mit erheblichen Schwierigkeiten beim Lernen in allen Fächern konfrontiert sein wird, wenn es nicht gelingt, sie maßgeblich zu fördern“ (Bos et al. 2017, 15). Aufgrund der zunehmenden Bedeutung schriftsprachlicher Kompetenzen in Schule, Freizeit und Beruf ist davon auszugehen, dass neben der schulischen Entwicklung auch deren soziale Integration und gesellschaftliche Partizipation sowie die Ausbildung einer persönlichen Identität gefährdet ist.
Nichtsdestotrotz legt ein Blick in die internationale Literatur nahe, dass bei der Erforschung von Lesestörungen die Probleme mit der Worterkennung fokussiert und spezifische Schwierigkeiten mit dem Textverständnis weitgehend vernachlässigt werden. Sicherlich können phonologisch orientierte Fördermaßnahmen bei spezifischen Schwierigkeiten mit der Worterkennung ein Fundament für das Verstehen des Gelesenen legen. Bei älteren Schülerinnen und Schülern und Kindern mit angemessener Lesefertigkeit greifen diese Maßnahmen jedoch zu kurz und müssen durch Maßnahmen ergänzt werden, die weitere sprachlich-kognitive Komponenten des Textverständnisses, insbesondere die Unterstützung im Bereich des Sprachverständnisses und die aktive Auseinandersetzung mit den gelesenen Inhalten berücksichtigen. Ein vielversprechender Ansatz in diesem Kontext ist die Vermittlung von Verstehensstrategien im Unterricht in Anlehnung an das reziproke Lehren und Lernen, der erstmals von Palinscar/Brown (1984) vorgestellt wurde.

2. Zielsetzungen und Forschungsfragen
Das Forschungsprojekt verfolgt auf der Grundlage der Aufarbeitung des internationalen Forschungsstandes langfristig das Ziel, ein Förderkonzept für die schulische Praxis zu entwickeln, das die Vermittlung der erfolgversprechendsten Strategien fokussiert, auf die Bedürfnisse und sprachlich-kognitiven Voraussetzungen spracherwerbsgestörter und lernschwacher Schüler am Ende der Primarstufe ausgerichtet ist und im Klassenverband durchführbar ist und dieses im Rahmen einer randomisierten, kontrollierten Interventionsstudie zu evaluieren.

2. 1 Teilprojekt 1
In einem ersten Teilprojekt, das auf eine metaanalytische Aufarbeitung der Ergebnisse von Interventionsstudie, die auf eine Verbesserung des Textverständnisses durch die Vermittlung von Verstehensstrategien abzielen, sollen folgende Forschungsfragen beantwortet werden:
(1) welche Effekte in welcher Größenordnung sich für strategieorientierte Interventionsmaßnahmen bei leseschwachen und durchschnittlich lesenden Schulkindern in Bezug auf das Leseverständnis nachweisen lassen,
(2) inwiefern sich derartige Unterstützungsmaßnahmen positiv auf das Wissen um und die Anwendung der vermittelten Verstehensstrategien auswirken und
(3) inwiefern Unterschiede in der Effektivität der Maßnahmen durch Merkmale wie das Untersuchungsdesign, die Implementation der Intervention, Charakteristika der Stichprobe u. a. nachweisbar sind.

2. 2 Teilprojekt 2
Im zweiten Teilprojekt sollen folgende Forschungsfragen beantwortet werden:
(1) Kann das am Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik entwickelte Förderkonzept mit lern- und sprachschwachen Kindern der vierten Klasse eines SFZ im Klassenverband umgesetzt werden? Welche Modifikationen müssen ggf. vorgenommen werden?
(2) Lassen sich für das Förderkonzept kurzfristige positive Effekte im Hinblick auf das Textverständnis nachweisen?

2. 3 Teilprojekt 3
Fragestellungen:
(1) Welche Zusammenhänge lassen sich zwischen der Worterkennung, dem Sprachverständnis, dem Wortschatz, dem Gedächtnis und dem Leseverständnis auf Wort-, Satz- und Textebene nachweisen?
(2) In welchem Ausmaß können die Prädiktoren Unterschiede im Bereich des Leseverständnisses erklären?
(3) Wie wirkt sich das Förderkonzept „Lesetricks mit Professor Neugier“ auf das Wort-, Satz- und Textverständnis von Schülern der vierten Klasse von sonderpädagogischen Förderzentren aus?
(4) Lassen sich Auswirkungen des Förderkonzepts auf das Strategiewissen und die Strategieanwendung der Schüler nachweisen?

3. Methode

3. 1 Teilprojekt 1
Im Sommersemester 2017 wurde im Rahmen eines Forschungsseminars die internationale Forschungsliteratur gesichtet, die die Ergebnisse von Interventionsstudien mit dem Ziel einer Verbesserung des Textverständnisses durch die Vermittlung von Verstehensstragegien dokumentierten. Zu diesem Zweck wurde eine mehrgleisige digitale Literaturrecherche in den Datenbanken ERIC, Medline, PsycINFO, PsycARTICLES und PSYNDEX durchgeführt und die Studien ausgewählt,
1) bei denen ein Volltextzugriff möglich war,
2) die formal Primärstudien (in Form einer Interventionsstudie) darstellen,
3) die einem Evidenzlevel von I-III entsprechen und damit eine Kontrollgruppe beinhalten (Einzelfallstudien und Berichte /Beschreibungen von Expertenmeinungen, klinische Erfahrung anerkannter Experten, die nach CEBM (2009) einem Evidenzlevel von IV-V entsprechen, werden ausgeschlossen),
4) die Probanden ohne Primärbeeinträchtigungen (genetische Syndrome, Autismus, sensorische Beeinträchtigungen wie Gehörlosigkeit) als Zielgruppe definierten,
5) die das Leseverständnis experimentell oder über den Einsatz standardisierter und normierter Verfahren überprüften,
6) deren Ergebnisdarstellung eine Berechnung von Effektstärken erlaubt.

Ergebnisse der Metaanalyse: Mayer, A.; Marks, D-K. (2019): Förderung des Textverständnisses durch die Vermittlung von Verstehensstrategien – Eine Metaanalyse zur Effektivität. Forschung Sprache 7, 4-36. Zugriff auf den Volltext hier

3. 2 Teilprojekt 2
Im Wintersemester 2017/18 wurde im Rahmen eines Forschungsseminars gemeinsam mit Studierenden der Sprachheilpädagogik auf der Grundlage der Literatur und einiger ausgewählter Programme zur Förderung des Textverständnisses (z.B. Rühl/Souvignier 2006) das Förderkonzept „Lesetricks von Professor Neugier“ mit 25 ausgearbeiteten Förderstunden inkl. aller Materialien konzipiert.
In dem Konzept werden die folgenden Strategien vermittelt, die auf eine aktive Auseinandersetzung mit dem Gelesenen abzielen:
- Generieren mentaler Bilder zu den Inhalten des Gelesenen („mental imagery“)
- Aktivieren von Vorwissen
- Treffen von Vorhersagen
- Fragen an den Text stellen
- Überwachen des eigenen Verstehens („Comprehension monitoring“)
- Zusammenfassen

Folgende Merkmale wurden bei der Erstellung des Förderprogramms besonders berücksichtigt:
- Isolierte Vermittlung der Strategien über mehrere Fördereinheiten hinweg
- Schaffung eines positiven Problembewusstseins durch die Integration der Identifikationsfigur von Professor Neugier
- Visualisierung der Strategien durch Trickkarten1faecher
- explizite, sukzessive, systematische, lehrerangeleitete Vermittlung jeder einzelnen Strategie
- zentrale Bedeutung des Lehrermodells
- direkte, explizite Lehrerinstruktion
- kleine schriftsprachliche Einheiten (Wörter, Sätze, Absätze) oder auch vorgelesene Texte als Ausgangspunkt der Strategievermittlung
- sukzessive Steigerung des Schwierigkeitsgrads und Abbau der Unterstützungsmaßnahmen bei der selbständigen Anwendung der Strategien

Nach der Erstellung des Förderkonzepts wurde das Programm im zweiten Schulhalbjahr 2017/18 in zwei vierten Klassen eines Sonderpädagogischen Förderzentrums im Sinne einer Machbarkeitsstudie erprobt. Eine Optimierung des Konzepts erfolgte auf der Grundlage der Rückmeldungen der beteiligten Lehrkräfte.

Outcome:
Mayer, A. (2018): Die Lesetricks von Professor Neugier – ein strategieorientiertes Konzept zur Förderung des Textverständnisses. Sprachförderung und Sprachtherapie in Schule und Praxis 7, 149-155
Marks, D.; Mayer, A.; Schönauer-Schneider, W. (2018): Vermittlung von Verstehensstrategien zur Förderung des Textverständnisses. In: Jungmann, T.; Gierschner, B.; Meindl, M.; Sallat, S. (Hrsg.): Sprach- und Bildungshorizonte wahrnehmen, beschreiben, erweitern. Idstein: Schulz-Kirchner. 41-53
Edith Lehner: Umsetzbarkeit und Effektivität des strategieorientierten Förderkonzepts ´Lesetricks von Professor Neugier' zur Verbesserung des Textverständnisses in der Einzelförderung
Franziska Braun: Umsetzbarkeit und Effektivität des strategieorientierten Förderkonzepts ´Lesetricks von Professor Neugier' zur Verbesserung des Textverständnisses in der Kleingruppe

Im Schuljahr 2018/19 wird das Förderkonzept im Rahmen einer groß angelegten kontrollierten randomisierten Interventionsstudie hinsichtlich seiner Effektivität in Bezug auf das Leseverständnis evaluiert.

3. 3 Teilprojekt 3
Mit Hilfe einer randomisierten kontrollierten Interventionsstudie sollte die Effektivität des modifizierten Förderprogramms bestimmt werden.
Mit Unterstützung der Regierung von Oberbayern wurde Ende des Schuljahres 2017/18 ein Kontakt zu den Sonderpädagogischen Förderzentren in Oberbayern hergestellt und für die Mitarbeit an Forschungsprojekt „Förderung des Textverständnisses durch die Vermittlung von Verstehensstrategien“ geworben.
15 Klassenlehrkräfte aus insgesamt 11 Förderzentren erklärten sich bereit, an diesem Forschungsprojekt teilzunehmen. Die Stichprobe bestand zu Beginn der Untersuchung aus 184 Schülern im Alter zwischen 8;4 und 12;0.
Um neben der Effektivität des Förderprogramms auch die Einflüsse laut- und schriftsprachlicher sowie kognitiver Fähigkeiten auf das Leseverständnisses bestimmen zu können, wurden im Rahmen der Eingangsdiagnostik im November 2018 folgende Fähigkeiten untersucht.

Messinstrumente
• Leseverständnis (ELFE 1-6, Lenhard & Schneider 2006)
• Lesegeschwindigkeit (WLLP-R, Schneider et al. 2011)
• Sprachverständnis (TROG-D, Fox 2016)
• Wortschatz (WWT 6-10, Glück 2011)
• Kurzzeitgedächtnis (Subtest Zahlen nachsprechen aus der K-ABC, Melchers & Preuss 2003)
• Nonverbale Fähigkeiten (Subtest Dreiecke aus der K-ABC)
• Strategieanwendung und Strategiekenntnis (experimentell)

Outcome:
Mayer, A (in Vorb.). Der Einfluss (schrift-)sprachlicher und kognitiver Kompetenzen auf das Leseverständnis von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf

Die teilnehmenden Schüler wurden klassenweise randomisiert auf die EG und KG aufgeteilt.
Die Effektivität des Förderprogramms wurde durch ein klassisches Prä-, Posttestdesign ermittelt.
Nach der Durchführung der Eingangsdiagnostik wurde das Förderkonzept „Lesetricks von Professor Neugier“ von den Klassenlehrkräften selbst über einen Zeitraum von einem Schulhalbjahr (Dezember 2018 bis April 2019) durchgeführt.
Die Lehrkräfte wurden an zwei Nachmittagen vom Projektleiter im Detail mit der Durchführung des Förderkonzepts vertraut gemacht. Alle Materialien wurden vom Lehrstuhl zur Verfügung gestellt.
Nach der Beendigung der Durchführung des Förderkonzepts wurden sowohl das Leseverständnis als auch die Strategieanwendung und die Strategiekenntnis erneut erfasst.

Ergebnisse werden ca. im September 2019 vorgelegt.

Zeitschiene

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Literatur

  • Bos, W., Valtin, R., Hußmann, A., Wendt, H. & Goy, M. (2017). IGLU 2016: Wichtige Ergebnisse im Überblick. In. Hußmann, A., Wendt, H., Bos, W., Bremerich-Vos, A., Kasper, D., Lankes, E., McElvany, N., Stubbe, T. & Valtin, R. (Hrsg.). IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Münster, New-York: Waxmann. 13-28
  • Bremerich-Vos, A., Wendt, H. & Bos, W. (2017). Lesekompetenzen im internationalen Vergleich: Testkonzeption und Ergebnisse. In. Hußmann, A., Wendt, H., Bos, W., Bremerich-Vos, A., Kasper, D., Lankes, E., McElvany, N., Stubbe, T. & Valtin, R. (Hrsg.). IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Münster, New-York: Waxmann. 79-142
  • Fox, A. (2016). TROG-D. Test zur Überprüfung des Grammatikverständnisses (7. Aufl.).Idstein: Schulz-Kirchner Verlag.
  • Glück, C. (2011). Wortschatz- und Wortfindungstest für sechs- bis zehnjährige (WWT 6-10). München: Elsevier Verlag.
  • Hußmann, A., Wendt, H., Bos, W., Bremerich-Vos, A., Kasper, D., Lankes, E., McElvany, N., Stubbe, T. & Valtin, R. (Hrsg.) (2017). IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich. Münster, New-York: Waxmann
  • Lenhard, W., & Schneider, W. (2006): ELFE 1-6. Ein Leseverständnistest für Erst- bis Sechstklässler. Göttingen: Hogrefe.
  • Melchers, P., & Preuss, U. (2003). Kaufman Assessment Battery for Children. Frankfurt: Swets&Zeitlinger.
  • Palincsar, A., Brown, A.L. (1984). Reciprocal teaching of comprehension-fostering and comprehension-monitoring activities. Cognition and Instruction, 1, 117-175
  • Rühl, K.; Souvignier, E. (2006): Wir werden Textdetektive. Lehrermanual. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Schneider, W., Blanke, I., Faust, V., & Küspert, P. (2011). WLLP-R. Würzburger Leise Leseprobe – Revision. Ein Gruppentest für die Grundschule. Göttingen: Hogrefe Verlag für Psychologie.

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