Lehrstuhl für Sprachheilpädagogik
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Laufende Forschungsprojekte (eine Auswahl)

1. Zusammenhänge zwischen der Benennungsgeschwindigkeit und unterschiedlichen Lesekompetenzen bei Kindern zwischen der ersten und vierten Klasse

Projektleiter: Prof. Dr. Andreas Mayer
Kooperationspartner: Sonderpädagogisches Förderzentrum München Süd, Förderzentrum München Ost, Grundschule am Hedernfeld
Laufzeit: Januar – Juli 2016

1. Theoretischer Hintergrund und Ausgangslage:


Die Benennungsgeschwindigkeit gilt neben der phonologischen Bewusstheit als einer der besten Prädiktoren des Schriftspracherwerbs. Zahlreiche Forschungsergebnisse legen nahe, dass die Benennungsgeschwindigkeit insbesondere mit der Leseflüssigkeit in einem engeren Zusammenhang steht als die phonologische Bewusstheit, deren Einfluss sich im deutschsprachigen Raum auf die ersten Schritte des Lesenlernens reduziert und langfristig betrachtet v.a. mit der Rechtschreibung korreliert (Wimmer et al. 2000, Wimmer/Mayringer 2002, Landerl/Wimmer 2008, Moll et al. 2012). Kinder mit einem Defizit in der Benennungsgeschwindigkeit stellen eine Risikogruppe für die Ausbildung von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten dar.
Die Benennungsgeschwindigkeit ist definiert als Maß dafür, wie schnell es einer Person gelingt, eine Folge visueller Symbole (z.B. Zahlen, Buchstaben, Farben) visuell zu verarbeiten und auf die entsprechende verbale Repräsentation zuzugreifen, sie also zu benennen.
Obwohl es sich dabei um eine komplexe Aufgabe handelt, an der unterschiedliche visuelle, sprachliche und unspezifische kognitive Leistungen beteiligt sind, kann die Benennungsgeschwindigkeit schnell und einfach mittels sogenannter RAN-Tests überprüft werden, die im angloamerikanischen Raum bereits in den 1970er Jahren entwickelt wurden (Denckla/Rudel 1974). Dabei erhalten die Kinder Vorlagen wie in Abbildung 1 und haben die Aufgabe die insgesamt 50 Items so schnell wie möglich von oben nach unten in Leserichtung zu benennen.

 

links       rechts

Abb. 1: Überprüfung der Benennungsgeschwindigkeit (Mayer 2013)

Obwohl in der internationalen Forschungsliteratur mittlerweile Konsens herrscht, dass leseschwache Kinder bei Überprüfungen der Benennungsgeschwindigkeit signifikant langsamer abschneiden als durchschnittlich lesende Kinder (Wimmer 1993, Brizzolara et al. 2006), sind die spezifischen Zusammenhänge mit unterschiedlichen Lesekompetenzen (Lesegenauigkeit, Lesegeschwindigkeit, Leseverständnis) noch weitgehend unerforscht. Ebenso wird kontrovers diskutiert, welche grundlegenden sprachlich-kognitiven Fähigkeiten für den Zusammenhang zwischen der Benennungsgeschwindigkeit und der Lesefähigkeit verantwortlich sind.

2. Forschungsfragen

 

  • Lassen sich zwischen der Benennungsgeschwindigkeit und den verschiedenen Lesekompetenzen (Lesegenauigkeit, Lesegeschwindigkeit, Leseverständnis) unterschiedlich starke Zusammenhänge nachweisen?
  • Ist der Einfluss der Benennungsgeschwindigkeit einem Entwicklungsprozess unterworfen? Lassen sich zwischen der ersten und vierten Klasse unterschiedliche Zusammenhänge nachweisen?
  • Kann der Einfluss der Benennungsgeschwindigkeit auf die Lesefähigkeit durch die visuelle Verarbeitungsgeschwindigkeit oder die Zugriffsgeschwindigkeit auf phonologische Repräsentationen erklärt werden?


3. Methode


Im Rahmen des Projekts sollen ca. 200 Kinder zwischen der ersten und der vierten Klasse aus drei verschiedenen Schulen (SFZ München Süd, SFZ München Ost, Grundschule am Hedernfeld) hinsichtlich der Benennungsgeschwindigkeit, der Lesefähigkeit (Lesegenauigkeit, Lesegeschwindigkeit, Leseverständnis), der visuellen Verarbeitungsgeschwindigkeit und der Zugriffsgeschwindigkeit auf phonologische Repräsentationen überprüft werden.
Zum Einsatz kommen folgende Verfahren:

  • Überprüfung der Benennungsgeschwindigkeit mittels RAN-Test (s. Abb. 1 aus TEPHOBE, Mayer 2013)
  • Überprüfung der Lesefähigkeit mittels SLRT II (Moll/Landerl 2010)
  1. Lesegenauigkeit Pseudowörter
  2. Lesegeschwindigkeit Pseudowörter
  3. Lesegenauigkeit Wörter
  4. Lesegeschwindigkeit Wörter
  • Überprüfung des Leseverständnisses mittels ELFE 1-6 (Lenard/Schneider 2006)
  • Überprüfung der kognitiv-visuellen Verarbeitungsgeschwindigkeit mittels zweier Subtests aus HAWIK IV (Symbol-Suche und Zahlen-Symbol Test)
  • Erfassung der Zugriffsgeschwindigkeit auf phonologische Repräsentationen mittels einer experimentellen Satzergänzungsüberprüfung

Literatur:
Brizzolara, W., Chilosi, A., Cipriani, A., Gasperini, F., Mazzotti, S., Pecini, C., Zoccolotti, P. (2006): Do Phonologic and Rapid Automatized Naming Deficits Differentially Affect Dyslexic Children With and Without a History of Language Delay? A Study of Italian Dyslexic Children. Cognitive and Behavioral Neurology 19, 141-149.
Denckla, M.B., Rudel, R.G. (1974): Rapid automatized naming of pictured objects, colors, letters, and numbers by normal children. Cortex 10, 186–202.
Landerl, K., Wimmer, H. (2008): Development of word reading fluency and spelling in a consistent orthography: An 8-year follow-up. Journal of Educational Psychology 100, 150-161.
Lenhard, W., Schneider, W. (2006): ELFE 1-6. Ein Leseverständnistest für Erst- bis Sechstklässler. Göttingen: Hogrefe.
Mayer, A. (22013): TEPHOBE. Test zur Erfassung der phonologischen Bewusstheit und der Benennungsgeschwindigkeit. München: Reinhardt Verlag.
Moll, K., Landerl, K. (2010): SLRT II. Lese- und Rechtschreibtest. Weiterentwicklung des Salzburger Lese- und Rechtschreibtests (SLRT). Göttingen: Hogrefe.
Moll, K.; Wallner, R.; Landerl, K. (2012): Kognitive Korrelate der Lese-, Leserechtschreib- und der Rechtschreibstörung. Lernen und Lernstörungen 1, 7-19.
Wimmer, H. (1993): Characteristics of developmental Dyslexia in a regular writing system. Applied Psycholinguistics 14, 1-33.
Wimmer, H., Mayringer, H. (2002): Dysfluent Reading in the Absence of Spelling Difficulties: A Specific Disability in Regular Orthographies. Journal of Educational Psychology 94, 272-277.
Wimmer, H., Mayringer, H., Landerl, K. (2000): The double-deficit hypothesis and difficulties in learning to read a regular orthography. Journal of Educational Psychology 92, 668 – 680.

Examensarbeiten
Outcome

2. Methodenkombinierte Überprüfung der Wirksamkeit einer Hybridtherapie für stotternde Kinder und Jugendliche

verantwortlich für das Projekt: Prof. Dr. Andreas Mayer
Durchführung und Koordination: MA Veronika Neidlinger
Kooperationspartner: Georg Thum und Ingeborg Mayer, Leiter der Intensivtherapie „Stärker als Stottern“
Laufzeit: 2014 – 2018

Theoretischer Hintergrund und Ausgangslage

Für die Behandlung des Stotterns haben sich zwei Therapieformen als Standard herauskristallisiert: In Fluency Shaping Therapien wird das gesamte Sprechen mit Hilfe einer veränderten Sprechweise (z.B. weiche Stimmeinsätze) modifiziert. Im Rahmen einer Stottermodifikationstherapie (SMf) soll der Sprecher hingegen sein Stottern verändern, also neue Verhaltensreaktionen auf seine Kernsymptome lernen.

Bislang existieren ausschl. für Therapieformen des Fluency Shaping empirisch evaluierte Wirksamkeitsnachweise (Nye et al. 2013). Da Evidenznachweise für sprachtherapeutische Methoden aktuell immer wichtiger werden, um eine Behandlung vor den Kostenträgern zu rechtfertigen (Beushausen & Grötzbach 2011), sollten auch Therapiekonzepte, die Methoden der SMf beinhalten, auf ihre Wirksamkeit überprüft werden.

Neben quantitativen und objektiven Analysen, für die gewisse Qualitätsstandards eingehalten werden sollten (Bloodstein & Bernstein Ratner 2008), sollte für die Einschätzung der Wirksamkeit einer Intervention auch der Patient selbst mit seiner Meinung in den Evaluationsprozess einbezogen werden (Irani et al. 2012; Kovarsky 2008; Yaruss 2010).

Objektive Messungen der Quantität und Qualität der Kernsymptome und des motorischen Begleitverhaltens lassen sich leicht erheben. Fremdperzeptive Maße (wie die Einschätzung der Sprechnatürlichkeit durch Kommunikationspartner), selbstrezeptive Maße (wie die Einschätzung der Effektivität der Therapie, inkl. der Auswirkungen auf Aktivitäten und Partizipation) sowie seine subjektive Bewertung und die Auswirkungen auf die Lebensqualität lassen sich hingegen schwer quantifizieren. Diese Domäne ist in der ICF der WHO jedoch von zentraler Bedeutung, was die Einschätzung des Gesundheitszustandes angeht. Diese Maße gelten auch in der Stottertherapie als maßgebliche Erfolgsindikatoren.

Die Intensivtherapie „Stärker als Stottern“ (SAS) nach Thum und Mayer (2014) ist eine sogenannte Hybridtherapie (Bloodstein & Bernstein Ratner 2008; Guitar 2014), da sie Elemente der SMf (Van Riper 1986) mit Bausteinen des Fluency Shaping (Webster 1980) verknüpft. Sie richtet sich an Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 17 Jahren. Im Rahmen des Projekts soll sie evaluiert werden.

Forschungsfragen

Das Ziel des Forschungsprojektes ist es herauszufinden, ob sich für die Intensivtherapie „Stärker als Stottern“ bei stotternden Kindern und Jugendlichen ein Wirksamkeitsnachweis erbringen lässt. Dies wird anhand verschiedener Fragebögen, Interviews und Sprechproben analysiert.

Folgende Forschungsfragen sollen beantwortet werden:

Objektiv:

  • Ergibt sich in der Folge der Intervention eine signifikante Reduktion offener Symptome des Stotterns in ihrer Häufigkeit, Auffälligkeit und Dauer?
  • Reagieren die Patienten signifikant häufiger mit positiven Copingstrategien (Sprechtechniken) auf ihr Stottern als vor der Therapie?

Subjektiv:

  • Lassen sich positive Veränderungen hinsichtlich der Einstellung zum Stottern und der psychosozialen Belastung nachweisen, operationalisiert über den Fragebogen zum Sprechen (Cook 2013) und dem OASES (Yaruss et al. 2014)?
  • Beurteilen die Eltern im Elternfragebogen (Oertle 1999) das Stottern ihrer Kinder nach der Therapie als weniger belastend und weniger stark als vor der Therapie?
  • Können die Probanden nach der Therapie mehr Informationen zum Stottern allgemein und insbesondere zu ihrem eigenen Stottern geben, als vor der Therapie?
  • Wird die Sprechnatürlichkeit signifikant gesteigert?

Methoden

Therapie

Die Intensivtherapie „Stärker als Stottern“ setzt sich aus den folgenden Therapieabschnitten zusammen:

  • 2 Wochen Basiskurs im August
  • 4 Tage Auffrischungskurs in den Herbstferien
  • 4 Tage Auffrischungskurs in den Osterferien
  • Jahrestag im August 1 Jahr nach Kursbeginn
  • Jahrestag im August 2 Jahre nach Kursbeginn

Die Therapie besteht aus den Phasen Identifikation, Desensibilisierung, Modifikation und Stabilisierung. Die Patienten lernen in den vier Phasen, sowohl ihr Stottern anhand von Sprechtechniken besser zu kontrollieren und dadurch flüssiger zu sprechen, als auch besser mit dem Thema Stottern umgehen zu können.

Probanden

Die Teilnehmer von „Stärker als Stottern“ von vier Jahren (2014 bis 2017) werden jeweils über ein bis zwei Jahre hinweg begleitet. Die Probanden sind zum größten Teil zwischen 8 und 17 Jahre alt.

Outcome-Messung

  • Sprechproben werden hinsichtlich verschiedener Parameter untersucht:
    • Stotterrate (prozentualer Anteil gestotterter Silben, %SS)
    • Stotterschweregrad (Stuttering Severity Instrument, SSI; Riley 2009)
    • Einsatz von Sprechtechniken (in prozentual kontrollierten Silben, %KS)
    • Sprechnatürlichkeit: Beurteilung auf einer 9-Punkte-Skala (Martin et al. 1984)
  • Die psychosoziale Belastung der Teilnehmer wird anhand normierter Fragebögen erfasst:
    • Fragebogen zum Sprechen (Cook 2013)
    • Overall Assessment of the Speaker’s Experience of Stuttering (Yaruss et al. 2014)
  • Einstellung und Ansicht der Eltern: Elternfragebogen (PEVOS, Oertle 1999)
  • Offenheit im Umgang mit dem Stottern, Wissen über Stottern: Inhaltliche Analyse eines semi-standardisierten Interviews

Messzeitpunkte

Diese Daten werden zu insgesamt 8 Messzeitpunkten über zwei Jahre hinweg erhoben:

methoden 

Literatur

  • Beushausen, U. & Grötzbach, H. (2011): Evidenzbasierte Sprachtherapie. Grundlagen und Praxis. München, Germany: Urban & Fischer.
  • Bloodstein, O. & Bernstein Ratner, N. (2008): A handbook on stuttering. 6. Auflage. Clifton Park, New York: Thomson Delmar Learning.
  • Cook, S. (2013): Fragebogen zur psychosozialen Belastung durch das Stottern für Kinder und Jugendliche. Logos 21, 2, 97–105.
  • Guitar, B. (2014): Stuttering: An integrated approach to its nature and treatment. 4. Auflage: Wolters Kluwer Health.
  • Irani, F., Gabel, R., Daniels, D. & Hughes, S. (2012): The long term effectiveness of intensive stuttering therapy. A mixed methods study. Journal of Fluency Disorders 37, 3, 164–178.
  • Kovarsky, D. (2008): Representing voices from the life-world in evidence-based practice. International Journal of Language & Communication Disorders 43, 47–57.
  • Martin, R.R., Haroldson, S.K. & Triden, K.A. (1984): Stuttering and speech naturalness. Journal of Speech and Hearing Disorders, 49, 53–58.
  • Nye, C., Vanryckeghem, M., Schwartz, J.B., Herder, C., Turner, H.M., III. & Howard, C. (2013): Behavioral stuttering interventions for children and adolescents: A systematic review and meta-analysis. Journal of Speech, Language, and Hearing Research 56, 3, 921–932.
  • Oertle, M. (1999): Fragebogen für Eltern - FF-E. In: Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. (Hrsg.): Informationsmappe PEVOS - Programm zur Evaluation von Stottertherapien (30).
  • Riley, G.D. (1994): Stuttering severity instrument for children and adults (SSI-3). 3. Auflage. Austin TX: Pro Ed.
  • Riley, G.D. (2009): Stuttering severity instrument for children and adults (SSI-4). 4. Auflage. Austin TX: Pro Ed.
  • Thum, G. & Mayer, I. (2014): Praxis der Sprachtherapie und Sprachheilpädagogik. Band 12: Stottertherapie bei Kindern und Jugendlichen. Ein methodenkombinierter Ansatz. München [u.a.]: Reinhardt, Ernst.
  • Van Riper, C. (1986): Die Behandlung des Stotterns. 1. Auflage. Solingen: Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe.
  • Webster, R.L. (1980): Evolution of a target-based behavioral therapy for stuttering. Journal of Fluency Disorders 5, 3, 303–320.
  • Yaruss, J.S. (2010): Assessing quality of life in stuttering treatment outcomes research. The influence of fluency disorders on quality of life. Journal of Fluency Disorders 35, 3, 190–202.
  • Yaruss, J.S.; Quesal, R.W. & Coleman, C.E. (2016): OASES: Overall Assessment of the Speaker’s Experience of Stuttering. Übersetzt ins Deutsche von: Euler, H.A..; Kohmäscher, A.; Cook, S.; Metten, C. & Miele, K.

3. Sprachverstehen im Kindesalter Schwerpunkt Monitoring

(Dr. Wilma Schönauer-Schneider)

Dauer:

seit 2006

Ziele:

  • Grundlagenforschung bei Kindern mit SES (u.a. Erkennen von Inkonsistenzen in Texten)
  • Entwicklung und Erprobung von Diagnostikmaterialien auf Textebene und zum Monitoring des Sprachverstehens
  • Effektivitätsstudien zur Intervention (v.a. Textebene, Monitoring des Sprachverstehens)

4. Zusammenhänge zwischen sprachlichen Fähigkeiten und mathematischen Kompetenzen

Projektleiter: Prof. Dr. Andreas Mayer

Projektkoordinator: Maximilian Hamann (StR FS)

Kooperationspartner: Sonderpädagogisches Förderzentrum München Süd, Sonderpädagogisches Förderzentrum München Ost, Sonderpädagogisches Förderzentrum München Nord, Grundschule am Hedernfeld, Greta-Fischer-Schule/Sonderpädagogisches Förderzentrum Dachau, Grundschule an der Stielerstraße.

Laufzeit: ab September 2016

1. Theoretischer Hintergrund und Ausgangslage:

Die internationale und zunehmend auch die deutsche Forschungsliteratur der letzten Jahre macht deutlich, dass Kinder mit sprachlichen Schwierigkeiten nicht nur in den mit Sprache assoziierten Unterrichtsfächern, sondern beispielsweise auch im Fach Mathematik Lernschwierigkeiten entwickeln können.

Lange Zeit stand dabei der Bereich der Sachbezogenen Mathematik im Fokus wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung. Auch aus schulpraktischer Sicht wurden Schwächen in Mathematik meist in Verbindung mit Textaufgaben gesehen.

Die zu diesem Thema ersten veröffentlichten Forschungsarbeiten von Barbara Fazio (1994, 1996, 1999) haben jedoch gezeigt, dass Kinder mit sprachlichen Auffälligkeiten auch im Erwerb der Zahlwortreihe und im Zählen vergleichsweise größere Schwierigkeiten aufweisen als sprachlich normalentwickelte Kinder im gleichen Alter. Neben den Beeinträchtigungen im Erwerb basisnumerischer Zahlverarbeitungskompetenzen (Verständnis für das dekadische Zahlensystem, Mengenverständnis, Transkodierungsfähigkeit) zeigen sprachauffällige Kinder auch ein spezifisches Manko in ihren arithmetischen Fertigkeiten (Donlan et al. 2007). Es konnte gezeigt werden, dass Kinder mit Sprachstörungen erhebliche Defizite im Bereich des schriftlichen Rechnens aufweisen und ihr automatisierter Abruf von Faktenwissen (z.B. 1 mal 1) aus dem Langzeitgedächtnis erschwert ist (Fazio 1999). Zudem ergeben sich für Kinder mit sprachlichen Einschränkungen enorme Hürden beim Erwerb, der Speicherung und der Automatisierung neuer mathematischer Fachwörter (Seiffert 2016).

Kinder mit Sprachstörungen stoßen also im Vergleich zu ihren sprachunauffälligen Klassenkameraden auf erhebliche Lernbarrieren im mathematischen Wissensaufbau.

Das Forschungsprojekt verfolgt das Ziel, die Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen sprachlichen Fähigkeiten (Sprachverständnis, Grammatik, Wortschatz) und basisnumerischen Fähigkeiten (Zahlverarbeitung und Rechnen) spezifizieren zu können, beziehungsweise zu ermitteln, mit welchen mathematischen Teilfähigkeiten sprachlich beeinträchtigte Kinder besondere Schwierigkeiten haben.

Im darauffolgenden Schuljahr soll auf der Grundlage der ermittelten Ergebnisse den Kindern mit besonderen Schwierigkeiten beim Erwerb mathematischer Fähigkeiten eine am Lehrstuhl entwickelte, auf die spezifischen Bedürfnisse dieser Kinder abgestimmte Förderung angeboten werden.

2. Forschungsfragen

  • Welche spezifischen Zusammenhänge lassen sich zwischen sprachlichen Fähigkeiten und mathematischen Lernschwierigkeiten in der basisnumerischen Zahlverarbeitung sowie in der Rechenfertigkeit nachweisen?
  • Welche auf sprachheilpädagogischen Prinzipien basierenden Interventionsmaßnahmen helfen spracherwerbsgestörten Kindern bei der Überwindung von Lernschwierigkeiten im Bereich der Zahlverarbeitung und im Rechnen?

3. Methode

Im Rahmen des Projekts sollen ca. 100 Kinder der zweiten Klasse aus sieben verschiedenen Schulen (Sonderpädagogisches Förderzentrum München Süd, Sonderpädagogisches Förderzentrum München Ost, Sonderpädagogisches Förderzentrum München Nord, Grundschule am Hedernfeld, Greta-Fischer-Schule/Sonderpädagogisches Förderzentrum Dachau, Grundschule in der Stielerstraße, Grundschule in der Klenzestraße) hinsichtlich der sprachlichen Fähigkeiten (Wortschatz, Satzverständnis, Grammatik, phonologische Informationsverarbeitung), der kognitiven Fähigkeiten und der mathematischen Kompetenzen in der Zahlenverarbeitung und der Rechenfertigkeit überprüft werden.

Bei der Datenerhebung kommen folgende Verfahren zum Einsatz:

esgraf-4-8

 

Grammatik: ESGRAF 4-8 (Motsch 2016)
Subtest 4: Überprüfung der Kasusmorphologie

 Abbildung 1: ESGRAF 4-8
(Motsch 2016)

 

 

trog-d

Sprachverständnis: TROG-D (Fox-Boyer 2016)
Überprüfung des Sprachverständnisses auf Satzebene

 

 

 

Abbildung 2: TROG-D
(Fox-Boyer 2016)

 

 

wwt-6-10

 

Wortschatz: WWT 6-10 (Glück 2011)
Überprüfung der expressiven und rezeptiven Wortschatzleistung

Abbildung 3: WWT 6-10
(Glück 2011)

 

Mathematik: TEDI-MATH (Kaufmann et al. 2009)

  • Zahlenverarbeitung
    • Größenvergleich arabischer Zahlen
    • Größenvergleich Zahlwörter
    • Dekadisches Positionssystem – Repräsentationen mit Plättchen
    • Transkodieren – Zahlen schreiben nach Diktat
    • Transkodieren – Zahlen lesen 

 

  • Rechenfertigkeittedi-math
    • Additive Zerlegung
    • Subtraktion
    • Multiplikation
    • Textaufgaben
    • Kenntnisse arithmetischer Konzepte

 

Abbildung 4: TEDI-MATH
(Kaufmann et al. 2009)

 

 

 

Benennungsgeschwindigkeit: TEPHOBE (Mayer 2016)
RAN-Test Zahlen

  • Genauigkeit und Kapazität des phonologischen Arbeitsgedächtnisses: Mottier-Test (erste Veröffentlichung Bohny 1981)
  • nonverbale Kognition: K-ABC (Kaufman et al. 2009)tephobe
    Subtest „Dreiecke“

Abbildung 5: TEPHOBE-RAN Zahlen
(Mayer 2016)

 

Literatur:

  • Donlan, C.; Cowan, R.; Newton, E. J.; Lloyd, D. (2007): The role of language in mathematical development: evidence from children with specific language impairments. In: Cognition 103 (1), S. 23–33. DOI: 10.1016/j.cognition.2006.02.007.
  • Fazio, Barbara (1994): The counting abilities of children with specific language impairment: a comparison of oral and gestural tasks. In: Journal of speech and hearing research 37 (2), S. 358–368.
  • Fazio, Barbara (1996): Mathematical Abilities of Children With Specific Language Impairment. In: J Speech Hear Res 39 (4), S. 839. DOI: 10.1044/jshr.3904.839.
  • Fazio, Barbara (1999): Arithmetic Calculation, Short-Term Memory, and Language Performance in Children With Specific Language Impairment. In: J Speech Lang Hear Res 42 (2), S. 420. DOI: 10.1044/jslhr.4202.420.
  • Fox-Boyer, Annette (Hg.) (2016): TROG-D. Test zur Überprüfung des Grammatikverständnisses. 7. Auflage. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag (Edition Steiner im Schulz-Kirchner-Verlag).
  • Glück, Christian W. (2011): Wortschatz- und Wortfindungstest für 6- bis 10-Jährige. WWT 6-10. 2., überarb. Aufl. München: Elsevier Urban & Fischer.
  • Kaufman, Alan S.; Kaufman, Nadeen L.; Melchers, Peter; Preuß, Ulrich (2009): Kaufman-assessment battery for children. K-ABC ; [Individualtest zur Messung von Intelligenz und Fertigkeiten bei Kindern im Alter von 2;6 bis 12;5 Jahren] ; Durchführungs- und Auswertungshandbuch. 8. Aufl. Leiden: PITS Psychologische Instrumenten Tests en Services.
  • Kaufmann, Liane et al. (2009): TEDI-MATH. Test zur Erfassung numerisch-rechnerischer Fertigkeiten vom Kindergarten bis zur 3. Klasse, Huber Verlag.
  • Kiese-Himmel, C.; Risse, T. (2009): Normen für den Mottier-Test bei 4- bis 6-jahrigen Kindern. In: HNO 57 (9), S. 943–948. DOI: 10.1007/s00106-009-1958-4.
  • Mayer, Andreas (2016): Test zur Erfassung der phonologischen Bewusstheit und der Benennungsgeschwindigkeit (TEPHOBE). Manual.3., überarbeitete Auflage. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag.
  • Motsch, Hans-Joachim; Rietz, Christian (2016): ESGRAF 4-8. Grammatiktest für 4- bis 8-jährige Kinder - Manual : mit zahlreichen Abbildungen, Tabellen und Kopiervorlagen sowie einer CD mit 16 Filmclips und PC-gestütztem Auswertungsbogen. München: Ernst Reinhardt Verlag.
  • Seiffert, Heiko (2016): Lernbarrieren beim Fachwortlernen - zum Beispiel Mathematik. In: U. Stitzinger, S. Sallat und U. Lüdtke (Hg.): Sprache und Inklusion als Chance?! Expertise und Innovation für Kita, Schule und Praxis. Idstein: Schulz-Kirchner (Sprachheilpädagogik aktuell, Band 2), S. 279–292.

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